Das Wichtigste in Kürze
- Allergene zu meiden beugt Allergien nicht vor – das ist heute Konsens.
- Die LEAP-Studie: Früher, regelmäßiger Erdnussverzehr senkte bei Risikokindern das Allergierisiko um über 80 %.
- Durcherhitztes Ei mit der Beikost einführen, nicht rohes.
- Erdnuss nur als glattes Mus oder fein gemahlen – nie ganze Nüsse.
- Bei mittlerem bis schwerem Ekzem oder bekannter Allergie vorher ärztlich abklären.
Noch vor zwanzig Jahren hieß es: Erdnuss, Ei und Fisch lieber möglichst spät geben, dann bekommt das Kind keine Allergie. Heute weiß man: Das war falsch. Die Empfehlungen haben sich komplett gedreht, und der Grund dafür ist eine der bekanntesten Studien der Kinderheilkunde. Hier liest du, was sie gezeigt hat, was die Leitlinien heute empfehlen und wie ihr Allergene im Alltag sicher einführt.
Der Wendepunkt: die LEAP-Studie
Die LEAP-Studie aus London (New England Journal of Medicine, 2015) hat 640 Babys im Alter von 4 bis 11 Monaten untersucht, die ein hohes Allergierisiko hatten – nämlich schwere Neurodermitis und/oder eine Ei-Allergie. Die eine Hälfte bekam regelmäßig, mindestens dreimal pro Woche, erdnusshaltige Lebensmittel. Die andere Hälfte mied Erdnüsse bis zum fünften Geburtstag.
Das Ergebnis war deutlich: Mit fünf Jahren hatten 17,2 Prozent der Kinder aus der Vermeidungsgruppe eine Erdnussallergie, aber nur 3,2 Prozent aus der Verzehrgruppe. Das entspricht einer Reduktion um mehr als 80 Prozent.
Und der Schutz hält: In der Nachbeobachtung bis ins Jugendalter (LEAP-Trio, NEJM Evidence 2024) hatten mit rund zwölf Jahren 15,4 Prozent der früheren Vermeider eine Erdnussallergie, aber nur 4,4 Prozent der früheren Esser – 71 Prozent weniger, obwohl viele Kinder später nur noch unregelmäßig Erdnuss aßen.
Was die Leitlinien heute sagen
- Österreich: Laut AGES beugt das Meiden von Allergenen wie Nüssen, Ei oder Fisch Allergien nicht vor. Sie sollen ganz normal mit der Beikost eingeführt werden.
- Europäische Allergiegesellschaft EAACI (2021): Gut durcherhitztes Ei soll mit der Beikost eingeführt werden – nicht rohes oder nur pasteurisiertes. In Bevölkerungen mit häufiger Erdnussallergie wird empfohlen, Erdnuss in altersgerechter Form einzuführen. Die Studien sprechen für ein Alter um 4 bis 6 Monate. Ausdrücklich nicht empfohlen: dass Mütter in Schwangerschaft oder Stillzeit Allergene meiden.
- Deutsche S3-Leitlinie Allergieprävention (2022): Durcherhitztes Hühnerei mit der Beikost einführen und regelmäßig geben. Bei Säuglingen mit Neurodermitis kann regelmäßige Erdnuss erwogen werden – vorher muss bei mittlerer bis schwerer Neurodermitis aber eine Erdnussallergie ausgeschlossen werden.
… euer Baby eine mittlere bis schwere Neurodermitis hat, schon auf ein Lebensmittel allergisch reagiert hat oder ihr unsicher seid. Dann wird vor der Einführung von Erdnuss abgeklärt, ob bereits eine Allergie besteht – manchmal erfolgt die erste Gabe dann unter ärztlicher Aufsicht. Bitte in diesen Fällen nicht auf eigene Faust testen.
So geht es im Alltag sicher
Erdnuss
Niemals ganze oder grob gehackte Nüsse – Verschluckungsgefahr bis etwa vier bis fünf Jahre. Stattdessen:
- einen kleinen Teil glattes Erdnussmus (ohne Salz und Zucker) in Brei, Getreideflocken oder Gemüsepüree einrühren,
- oder mit etwas warmem Wasser verdünnen,
- pures Mus nicht dick auf den Löffel geben, weil es am Gaumen kleben kann.
Ei
Immer gut durcherhitzt: hart gekochtes, fein zerdrücktes Eigelb und Eiklar, ein Stück Omelett oder Ei in Gebackenem. Für vegane Familien ist das kein Thema, für alle anderen gilt: nicht roh, nicht weich.
Weitere Allergene
Sesam (als Tahin), andere Nussmuse, Weizen, Soja und – bei Mischkost – Fisch und Milchprodukte lassen sich nach demselben Prinzip einführen. Die EAACI-Leitlinie spricht konkret nur über Ei und Erdnuss; dass das Meiden anderer Allergene nicht schützt, sagt die AGES aber für alle.
1. Neue Allergene vormittags anbieten, dann könnt ihr das Kind gut beobachten. 2. Immer nur ein neues Allergen auf einmal. 3. Mit einer kleinen Menge anfangen. 4. Nicht einführen, wenn das Baby gerade krank ist. 5. Dranbleiben: Nach der Einführung regelmäßig, also mehrmals pro Woche, geben – das war in LEAP entscheidend.
Woran erkenne ich eine allergische Reaktion?
Leichte Rötungen rund um den Mund durch säurehaltige Lebensmittel wie Paradeiser oder Beeren sind häufig und harmlos. Anders ist es bei echten allergischen Zeichen. Typisch sind Rötungen oder Quaddeln rund um den Mund oder am Körper, Schwellungen im Gesicht oder Erbrechen kurz nach dem Essen. Dann: nichts mehr von dem Lebensmittel geben und die Kinderärztin kontaktieren. Bei Atemnot, Husten, starker Schwellung, Blässe oder Schlappheit sofort die 144 rufen.
So klappt’s bei euch
Was dieser Ratgeber für euren Ernährungsstil bedeutet.
Ei, Fisch und Kuhmilch entfallen bei euch, Erdnuss als glattes Mus, Sesam als Tahin, Soja und Weizen führt ihr aber genauso früh ein. Nach der Einführung regelmäßig, also mehrmals pro Woche, anbieten.
Gut durcherhitztes Ei – hart gekocht und fein zerdrückt – mit der Beikost einführen und danach regelmäßig geben. Milchprodukte nach demselben Prinzip: kleine Menge, vormittags, immer nur ein neues Allergen auf einmal.
Neben Ei und Erdnuss darf auch Fisch früh kommen – gut durchgegart, grätenfrei, aus quecksilberarmen Sorten wie Lachs, Forelle oder Saibling. Immer nur ein neues Allergen auf einmal.
Ei gut durcherhitzt, Fisch durchgegart und grätenfrei, Milchprodukte in kleinen Mengen: Alles darf nach und nach mit der Beikost kommen, Meiden schützt nicht. Kein rohes oder nur weiches Ei.
Häufige Fragen
Ab wann darf mein Baby Erdnuss essen?
Mit dem Beikoststart, also um den 6. Monat, als glattes Mus in Brei eingerührt. Die Studien sprechen für eine Einführung im ersten Lebensjahr. Ganze Nüsse sind bis vier bis fünf Jahre wegen Verschluckungsgefahr tabu.
Muss ich vorher einen Allergietest machen?
Bei den meisten Babys nicht. Bei mittlerer bis schwerer Neurodermitis oder einer bereits bekannten Nahrungsmittelallergie sollte die Kinderärztin vorher abklären, ob eine Erdnussallergie besteht.
Hilft es, wenn ich in der Stillzeit Allergene meide?
Nein. Die europäische Allergiegesellschaft rät ausdrücklich davon ab, in Schwangerschaft oder Stillzeit Allergene zur Vorbeugung zu meiden.
Quellen
- Guy's and St Thomas' NHS – LEAP-Studie (NEJM 2015)guysandstthomas.nhs.uk
- NIH 2024 – LEAP-Trio: Schutz hält bis ins Jugendalterwww.nih.gov
- Halken et al. 2021 – EAACI-Leitlinie Prävention von Nahrungsmittelallergieneprints.soton.ac.uk
- Pharmazeutische Zeitung – S3-Leitlinie Allergieprävention und frühe Allergenexpositionwww.pharmazeutische-zeitung.de
- AGES – Richtig essen von Anfang anwww.ages.at
Dieser Beitrag ist allgemeine Information und ersetzt keine individuelle Beratung durch Kinderärztin, Kinderarzt oder Diätologin. Er gibt den Wissensstand zum angegebenen Datum wieder.